ESG-Kennzahlen: Wie verwandelt man Daten in einen Leistungshebel?

ESG-Kennzahlen dienen heute nicht mehr nur der Erfüllung von Berichtspflichten. Richtig gewählt, werden sie zu Steuerungsinstrumenten, die Leistung, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Sophie Gosteau
Climate copywriter
Publication : 
16.07.2026
Inhaltsverzeichnis
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🔎 Das Wichtigste auf einen Blick

  • ESG-Kennzahlen verwandeln ökologische, soziale und Governance-Aspekte in Daten, die für die Steuerung von Risiken, Kosten und Resilienz entscheidend sind.
  • Sie bilden die Grundlage für wichtige Berichtsrahmen wie CSRD, ISSB, VS, CDP oder CSDS.
  • Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse und die Untersuchung von IROs helfen dabei, die wirklich relevanten Kennzahlen für das Unternehmen auszuwählen.
  • Ihr Wert hängt von verlässlichen, prüfbaren Daten ab, die in strategische Entscheidungen integriert sind.

Extreme Wetterereignisse bedrohen die Unternehmensresilienz: erzwungene Betriebsunterbrechungen zur Entlastung der lokalen Strom- oder Wassernetze, Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende bei Hitzewellen, Lieferkettenunterbrechungen durch Überschwemmungen …

ESG-Kennzahlen spielen heute eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Unternehmensleistung. Sie sind keine bloßen Pflichtübungen für die Compliance mehr, sondern leistungsstarke Werkzeuge für Ihre Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.

In diesem Artikel werden wir: 

  • den Nutzen von ESG-Kennzahlen erläutern
  • die wichtigsten verpflichtenden und freiwilligen Frameworks vergleichen
  • aufzeigen, wie Sie die passenden ESG-Kennzahlen für Ihr Unternehmen auswählen
  • einige ESG-Kennzahlen im Detail betrachten

Das Reporting dieser Kennzahlen ermöglicht den Übergang von einer narrativen CSR-Kommunikation hin zu einer datengestützten Unternehmenssteuerung.

Wozu dienen ESG-Kennzahlen eigentlich?

ESG-Kennzahlen bewerten die nichtfinanzielle Leistung eines Unternehmens anhand von drei Dimensionen: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Sie erfüllen die Anforderungen verschiedener Berichtsstandards (CSRD, ISSB, …) sowie von ESG-Ratingagenturen.

Sie sind zudem unverzichtbare Instrumente für: 

1. Die Risikosteuerung

ESG-Kennzahlen helfen dabei, Risiken zu identifizieren, die den Fortbestand oder die Rentabilität des Unternehmens gefährden könnten, um diese gezielt zu minimieren.

Die überwachten Risiken lassen sich in drei Kategorien unterteilen: 

Umweltrisiken

ESG-Indikator Mögliches Risiko Konsequenz
Wasserverbrauch Engpässe, lokale Einschränkungen Produktionsstillstand

Soziale Risiken

ESG-Indikator Mögliches Risiko Konsequenz
Fluktuationsrate Motivationsverlust, Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung Beeinträchtigtes Wachstum

Governance-Risiken

ESG-Indikator Mögliches Risiko Konsequenz
Vorhandensein eines Ethikkodex Korruption Bußgeld, Ausschluss von Ausschreibungen

2. Zugang zu Finanzierungen

ESG-Kennzahlen beeinflussen den Zugang zu Finanzierungen sowie deren Kosten. Investoren und Banken nutzen sie, um die Widerstandsfähigkeit und die langfristige Wertschöpfung zu bewerten.

Beispiele für ESG-bezogene Finanzierungen: Grüne Kredite, nachhaltige Anleihen, öffentliche Fördermittel, zinsgünstige Darlehen.

3. Arbeitgebermarke und Attraktivität

Kennzahlen zur Lebensqualität am Arbeitsplatz (Homeoffice-Regelungen, erweiterte Elternzeit, Mitarbeiterzufriedenheit) sowie Diversitätsquoten oder Weiterbildungsstunden pro Mitarbeiter stärken die Attraktivität und das Engagement der Belegschaft. 

Darüber hinaus wählen Talente ihre Arbeitgeber zunehmend auf Basis deren allgemeiner ESG-Ausrichtung aus, wie etwa Umweltschutz oder das Engagement als Purpose-Unternehmen.

4. Operative Effizienz

Schließlich helfen ESG-Kennzahlen dabei, Verschwendung zu identifizieren und Prozesse zu optimieren, was zu direkten Kosteneinsparungen führt.

Zum Beispiel: 

Die Messung und Überwachung dieses Indikators… lenkt die Aufmerksamkeit auf… um langfristig zu ermöglichen
Wasserverbrauch die Wassernutzung teilweises Recycling von Abwasser, Kostensenkung und Verbesserung der Resilienz
Recyclingquote von Abfällen das Abfallmanagement Abfallentstehung reduzieren, zum Recycling verkaufen und neue Einnahmen generieren

Überblick über Reporting-Formate: Eine globale Sprache?

Es gibt verschiedene ESG-Reporting-Formate. Ihre Aufgabe ist es, nicht-finanzielle Daten zu harmonisieren, zu standardisieren und vergleichbar zu machen.

Überblick über die wichtigsten Formate: 

International: ISSB

Format Typ Besonderheiten
ISSB (International Sustainability Standards Board) Freiwillig Finanzielle Wesentlichkeit

Das 2021 von der IFRS-Stiftung (die auch die internationalen Rechnungslegungsstandards beaufsichtigt) gegründete ISSB hat das Ziel, internationale Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu entwickeln, um den Anforderungen von Investoren gerecht zu werden.

In Europa: CSRD und VS (ehemalsVSME)

Format Typ Besonderheiten
CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) Verpflichtend für große Unternehmen Doppelte Wesentlichkeit

Unternehmen müssen die mit ihrer Tätigkeit verbundenen Auswirkungen, Risiken und Chancen (IRO) identifizieren.
VS (Voluntary Standard) – ehemals VSME Freiwillig, für Unternehmen, die nicht der CSRD unterliegen Ermöglicht eine Weiterentwicklung ohne die Komplexität der CSRD.

Wird häufig von Lieferanten großer Konzerne verlangt.

Empfohlen, um den Erwartungen von Kapitalgebern (Banken, Investoren) gerecht zu werden.

In China: CSDS

Format Typ Besonderheiten
CSDS (China Sustainability Disclosure Standards) Verpflichtend für börsennotierte Unternehmen in China und lokale Tochtergesellschaften multinationaler Konzerne Fokus auf lokale Themen (z. B. Luftqualität, Industrieabfallmanagement)

International, zu den Themen Klima / Wasser / Wälder: das CDP

Format Typ Besonderheiten
CDP (Carbon Disclosure Project) Freiwillig Funktioniert über ein Fragebogensystem, um eine Bewertung zu erhalten.

Wird häufig von großen Auftraggebern verlangt.

Dies ist der am häufigsten verwendete Standard für Klimatransparenz: CO2-Emissionen, Wassermanagement und Entwaldung.

Dank dieser strukturierten Berichterstattung ist ESG zu einer gemeinsamen Sprache zwischen Unternehmen, ihren Investoren und den Regulierungsbehörden geworden.

Es gibt zahlreiche ESG-Indikatoren; damit die Berichterstattung relevant ist und die Realität Ihres Unternehmens sowie dessen Herausforderungen widerspiegelt, müssen Sie sorgfältig auswählen, welche Sie verfolgen.

Methodik: Wie priorisiert und wählt man seine Indikatoren aus?

In Europa müssen Unternehmen, die der CSRD unterliegen, bei der ESG-Berichterstattung die ESRS, die European Sustainability Reporting Standards, anwenden. Diese legen fest, welche Informationen Unternehmen erfassen und veröffentlichen müssen.

Die Analyse der doppelten Wesentlichkeit bestimmt, welche ESRS-Standards für Ihr Unternehmen relevant sind.

Diese Analyse bewertet: 

  • den Einfluss, den das durch den ESRS abgedeckte Thema auf Ihr Unternehmen hat und haben wird (finanzielle Wesentlichkeit)
  • den Einfluss, den Ihre Geschäftstätigkeit auf das durch den Standard abgedeckte ESG-Thema hat und haben wird (Wesentlichkeit der Auswirkungen oder nicht-finanzielle Wesentlichkeit).

Nur Kriterien, die für das Unternehmen als wesentlich eingestuft werden, sind verpflichtend. Sie helfen dabei, die zu verfolgenden ESG-Indikatoren zu priorisieren.

Grundlage der Analyse der doppelten Wesentlichkeit ist die Analyse der IRO (für Auswirkungen, Risiken, Chancen).

Dabei geht es darum, Folgendes zu identifizieren: 

  1. die Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit den Aktivitäten des Unternehmens (Wesentlichkeit der Auswirkungen): positiv und negativ, tatsächlich und potenziell, kurz-, mittel- und langfristig
  2. die Risiken und die Chancen die die Entwicklung, die Finanzergebnisse, die Cashflows und den Zugang zu Finanzmitteln des Unternehmens beeinflussen (finanzielle Wesentlichkeit).

Hier sind 2 Beispiele: 

Unternehmenstyp Auswirkungen Risiken Chancen
Handel / E-Commerce Verpackungen, Transportemissionen, Produktretouren, Arbeitsbedingungen in der Logistik, Lieferantenpraktiken Abhängigkeit von Kraftstoffen, klimabedingte Logistikstörungen, Reputationsrisiko bei Produkten oder Lieferanten CO₂-arme Lieferung, Kreislaufwirtschaft und Wiederaufbereitung, Optimierung der Retouren, verantwortungsvolles Sortiment, lokale Lieferanten
Bau / Immobilien Materialbezogene und baustellenbezogene Emissionen, Bauabfälle, Energieverbrauch von Gebäuden, Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer Verschärfung der Energienormen, steigende Materialkosten, physische Klimarisiken Energetische Sanierung, CO₂-arme Materialien, resiliente Gebäude, Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft

Sobald Sie die für Ihr Unternehmen wesentlichen Themen mithilfe der doppelten Wesentlichkeitsanalyse und Ihrer IRO-Analyse identifiziert haben, kennen Sie die ESG-Kennzahlen, die Sie in Ihre Berichterstattung aufnehmen müssen.

Die Gap-Analyse hilft Ihnen dabei, die Lücke zwischen den bereits verfügbaren Daten und denjenigen zu messen, die noch erhoben oder validiert werden müssen, um die Anforderungen der CSRD zu erfüllen.

Wenn sich Ihre Kennzahl beispielsweise auf die Emissionen von Scope 1, 2 und 3 bezieht, sollten Sie sich folgende Fragen stellen: 

  • Welche Daten sind bereits verfügbar? Bsp.: Stromrechnungen, Kraftstoffverbrauchsabrechnungen
  • Welche Daten fehlen? Bsp.: Emissionen von Subunternehmern, Daten von Tochtergesellschaften
  • Welche Erhebungsprozesse müssen implementiert werden? Bsp.: Formalisierung der Datenerhebung (Turnus, Verantwortliche usw.), Einführung einer ESG-Software, die Sie bei der Automatisierung der Datenerhebung und -analyse unterstützt.

Beispiele für wichtige ESG-Kennzahlen und deren Anwendung

Abschließend finden Sie hier eine Auswahl gängiger ESG-Kennzahlen mit ihrem jeweiligen Hauptanwendungszweck.

Sie können für die CSRD-Berichterstattung, Fragebögen für Lieferanten und Investoren, ESG-Ratings sowie für die interne Steuerung genutzt werden.

Säule Schlüsselindikator Beispielmessung Verwendung
Umwelt THG-Emissionen tCO₂e Scopes 1, 2 und 3; CO₂-Intensität pro € Umsatz Festlegung eines Dekarbonisierungspfads, Beantwortung von Investoren-/Lieferantenanfragen und Veröffentlichung gemäß ESRS E1.
Umwelt Wasser Entnommene/verbrauchte m³, insbesondere in Gebieten mit Wasserstress Management der Wasserverfügbarkeitsrisiken, Datenlieferung für ESRS E3 oder CDP.
Umwelt Biodiversität Fläche der Standorte in sensiblen Gebieten, renaturierte Hektarflächen, Druck auf Ökosysteme Bewertung der Abhängigkeiten und Auswirkungen auf die Natur, Definition von Aktionsplänen und Datenlieferung für ESRS E4.
Soziales Gesundheit und Sicherheit Häufigkeits-/Schwereindex der Unfälle, Todesrate, Fehlzeiten Unfallprävention, Vergleich zwischen Standorten, Überwachung der Wirksamkeit von HSE-Maßnahmen und Veröffentlichung sozialer Daten.
Soziales Vielfalt Frauenanteil im Management, Verteilung nach Alter/Nationalität, Vergütungsunterschied Überwachung der Chancengleichheit, Steuerung von Vielfaltsplänen und Erfüllung sozialer und Investorenerwartungen.
Soziales Weiterbildung Weiterbildungsstunden pro Beschäftigtem, Abdeckungsgrad, Weiterbildungsbudget Antizipation von Kompetenzentwicklungen, Begleitung des Wandels und Nachweis der Entwicklung des Humankapitals.
Governance Zusammensetzung des Vorstands Unabhängigkeit, Vielfalt, ESG-Kompetenzen, Anwesenheitsrate Bewertung der Qualität der Aufsicht, der Robustheit der Governance und der Glaubwürdigkeit der ESG-Strategie.
Governance An ESG geknüpfte variable Vergütung % der betroffenen Führungskräfte; Gewichtung der ESG-Kriterien im Bonus Verkörperung der klimatischen, sozialen und Compliance-Ambitionen auf Leitungsebene.
Governance Datenschutz Sicherheitsvorfälle, kompromittierte Daten, Reaktionszeit Steuerung des Cyber- und Reputationsrisikos, Stärkung der Compliance und Vertrauensbildung bei Kunden, Partnern und Investoren.

Diese Kennzahlen helfen dabei, zahlreiche Risiken, die die finanzielle Performance des Unternehmens beeinträchtigen könnten (z. B. Cybersicherheitsrisiken), frühzeitig zu erkennen, sich einen strategischen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern zu verschaffen (z. B. Diversifizierung der Lieferketten) und ganz einfach die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens zu stärken.

Fazit

ESG-Daten sind Ihre neuen Finanzdaten: Sie müssen zuverlässig, prüfbar und vor allem eine wertvolle Entscheidungsgrundlage für Ihre Strategie sein.

Auch wenn Sie nicht zur nichtfinanziellen Berichterstattung verpflichtet sind, helfen Ihnen ESG-Kennzahlen dabei, sich auf die regulatorischen Anforderungen Ihrer Großkunden oder Investoren vorzubereiten und die Widerstandsfähigkeit Ihres Unternehmens zu stärken.

Wenn Sie eine CSRD- oder andere Berichterstattung erstellen müssen, schlagen Sie mit der richtigen Auswahl Ihrer Kennzahlen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie erhalten aussagekräftige KPIs zur Steuerung Ihrer Unternehmensstrategie. Während Finanzkennzahlen die Leistung in einer stabilen Welt widerspiegeln, prognostizieren Ihre ESG-Indikatoren Ihre Fähigkeit, in einem unvorhersehbaren Umfeld zu navigieren.

ℹ️ Gut zu wissen

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