ISO 17298: Eine neue internationale Norm für die Biodiversität

Die Norm ISO 17298 bietet endlich einen internationalen Rahmen, um Biodiversität ebenso wie Klimaschutz oder CSR-Leistung in die Unternehmensstrategie und Berichterstattung zu integrieren.

Clara Godin
Juriste en droit de l'environnement & santé-sécurité au travail
Publication : 
27.11.2025
Inhaltsverzeichnis
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🔎 Das Wichtigste in Kürze
  • ISO 17298 schafft den ersten internationalen Rahmen für Biodiversität, der es Organisationen ermöglicht, natürliche Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen in ihre Gesamtstrategie zu integrieren.
  • Die Norm ist vollständig auf CSRD, CSDDD, TNFD und das Global Biodiversity Framework abgestimmt und bietet eine konkrete methodische Grundlage zur Strukturierung der Biodiversitätsberichterstattung und der doppelten Wesentlichkeit.
  • Sie erfordert einen umfassenden Ansatz: Analyse der Naturthemen, Priorisierung, Biodiversitäts-Aktionsplan, Überwachungsindikatoren, Governance und kontinuierliche Verbesserung, im Einklang mit ISO 14001 und ISO 26000.
  • ISO 17298 stärkt die Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, indem sie die Transparenz verbessert, regulatorische Pflichten antizipiert und neue naturbasierte wirtschaftliche Chancen aufzeigt.

Lange Zeit in der CSR-Strategie und der nichtfinanziellen Berichterstattung vernachlässigt, basierte der Umgang mit Biodiversität bisher weitgehend auf freiwilligen Ansätzen. Mit der Veröffentlichung der neuen internationalen Norm ISO 17298 wird nun endlich ein gemeinsamer Rahmen geschaffen, um das Handeln von Organisationen im Hinblick auf biodiversitätsbezogene Herausforderungen zu strukturieren.

Die im Oktober 2025 veröffentlichte Norm ISO 17298 ist das Ergebnis der Arbeit des technischen Komitees ISO/TC 331, das unter dem Vorsitz der AFNOR steht und 2010 ins Leben gerufen wurde, um ein kohärentes Regelwerk für den Bereich Biodiversität zu entwickeln. 

Ihr Ziel ist klar: Organisationen jeder Größe und Branche zu ermöglichen, Biodiversität in ihre Unternehmensstrategie zu integrieren, und zwar im Einklang mit anderen wichtigen bestehenden Umweltstandards wie ISO 14001 oder ISO 26000. 

🔎 Das Wichtigste in Kürze
  • ISO 17298 schafft den ersten internationalen Rahmen für Biodiversität, der es Organisationen ermöglicht, natürliche Auswirkungen, Abhängigkeiten, Risiken und Chancen in ihre Gesamtstrategie zu integrieren.
  • Die Norm ist vollständig auf CSRD, CSDDD, TNFD und das Global Biodiversity Framework abgestimmt und bietet eine konkrete methodische Grundlage zur Strukturierung der Biodiversitätsberichterstattung und der doppelten Wesentlichkeit.
  • Sie erfordert einen umfassenden Ansatz: Analyse der Naturthemen, Priorisierung, Biodiversitäts-Aktionsplan, Überwachungsindikatoren, Governance und kontinuierliche Verbesserung, im Einklang mit ISO 14001 und ISO 26000.
  • ISO 17298 stärkt die Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, indem sie die Transparenz verbessert, regulatorische Pflichten antizipiert und neue naturbasierte wirtschaftliche Chancen aufzeigt.

Warum stellt diese Norm einen Wendepunkt für Unternehmen dar?

Bisher blieben Verpflichtungen zum Schutz der Biodiversität meist deklarativ oder fragmentiert, da es an einem präzisen operativen Rahmen fehlte. Die Norm ISO 17298 schafft hier Abhilfe, indem sie einen Ansatz bietet, der nicht nur verständlich und anwendbar ist, sondern auch mit den bereits in Unternehmen etablierten CSR-Instrumenten kompatibel ist.

Komplementarität zu CSRD und CSDDD

Der neue Standard ISO 17298 ist vollständig auf die CSRD-Richtlinie ausgerichtet insbesondere mit der ESRS-Norm E4 für Biodiversität und Ökosysteme. Er dient Unternehmen somit als fundierte methodische Unterstützung bei der Umsetzung und ermöglicht eine präzise Identifizierung von: 

  • wesentlichen Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Biodiversität;
  • naturbedingten Risiken, die das Unternehmen betreffen könnten;
  • kritischen Abhängigkeiten vom Funktionieren der Ökosysteme;
  • strategischen Chancen im Zusammenhang mit der Natur.

Darüber hinaus weist die Norm auch eine hohe Kohärenz mit der CSDDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive) auf, insbesondere in Bezug auf die Wertschöpfungskette, die Sorgfaltspflichten und das Management naturbezogener Risiken.

Ausrichtung an der TNFD und dem Global Biodiversity Framework

Die Norm ISO 17298 übernimmt mehrere strukturgebende Prinzipien der TNFD (Taskforce on Nature-Related Financial Disclosures), insbesondere den „LEAP“-Ansatz (Locate – Evaluate – Assess – Prepare). 

🔎 Zu beachten
    Dieser LEAP-Ansatz besteht darin, die Interaktionen einer Organisation mit der Natur zu lokalisieren, ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen zu bewerten, Risiken und Chancen zu analysieren und anschließend die zugehörige Strategie und Governance vorzubereiten. Er bietet eine strukturierte Methode zur Integration der Biodiversität in das Risikomanagement und die Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Sie wurde zudem im Einklang mit den Zielen des Global Biodiversity Framework entwickelt (GBF – Weltbiodiversitätsrahmen), der auf der COP15 in Montreal verabschiedet wurde und darauf abzielt, den weltweiten Verlust der biologischen Vielfalt durch messbare Ziele für den Schutz, die nachhaltige Nutzung und die gerechte Aufteilung der aus der Natur gewonnenen Vorteile zu stoppen.

Was sind die wichtigsten Anforderungen der ISO 17298?

Die neue Norm ISO 17298 basiert auf vier wesentlichen Säulen.

1. Analyse der naturbezogenen Auswirkungen, Abhängigkeiten und Risiken

Das Unternehmen muss eine fundierte Analyse seiner Wechselwirkungen mit der Biodiversität durchführen, die insbesondere Folgendes umfasst: 

  • direkte Auswirkungen (Ressourcenabbau, Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung);
  • indirekte Auswirkungen, insbesondere entlang der Wertschöpfungskette;
  • Abhängigkeiten von der Natur, die für den Geschäftsbetrieb entscheidend sind;
  • naturbezogene Risiken, die die Widerstandsfähigkeit beeinträchtigen können.

Diese Analyse bildet die Grundlage für die doppelte Wesentlichkeit, einen zentralen Aspekt der neuen Nachhaltigkeitsberichterstattung gemäß der CSRD-Richtlinie.

2. Bewertung von Chancen und Priorisierung von Themen

Die Norm ISO 17298 verpflichtet Unternehmen zudem dazu, strategische, naturbezogene Chancen zu identifizieren (naturbasierte Lösungen, neue Märkte, Innovationen, regionale Partnerschaften usw.). Diese verschiedenen Möglichkeiten müssen anhand expliziter Kriterien priorisiert werden,um die Strategie kohärent und messbar auszurichten.

3. Erarbeitung eines Biodiversitäts-Aktionsplans und Einführung von Monitoring-Indikatoren

Das Unternehmen muss eine Naturstrategie entwickeln, die auf klaren, realistischen Zielen basiert und auf die identifizierten wesentlichen Themen abgestimmt ist. Dieser Aktionsplan muss insbesondere Folgendes umfassen: 

  • relevante und überprüfbare Biodiversitäts-Indikatoren;
  • Verpflichtungen zur Verringerung der Auswirkungen auf die biologische Vielfalt;
  • Maßnahmen zur kontinuierlichen Verbesserung;
  • eine strukturierte, CSRD-konforme nichtfinanzielle Berichterstattung.

4. Governance und kontinuierliche Verbesserung

Die Norm ISO 17298 betont die Notwendigkeit einer starken Führung, einer angemessenen Ressourcenallokation und einer transparenten Governance. Zudem muss die Naturstrategie auf einem Prinzip der kontinuierlichen Verbesserungbasieren, das sich am PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act) der Norm ISO 14001 für Umweltmanagementsysteme orientiert.

🔎 Zu beachten
    Die Norm beschränkt sich nicht darauf, einen technischen Bezugsrahmen für die Biodiversität zu schaffen. Sie führt auch Anforderungen an die strategische Kohärenz zwischen Biodiversität, Klima und Risikomanagement im Unternehmen ein.

Wie bereitet man sich darauf vor und wie erfüllt man die Anforderungen?

Verfügbare Instrumente und Methoden

Zur Umsetzung der Norm ISO 17298 können Organisationen auf verschiedene bestehende Instrumente zurückgreifen: 

  • das ENCORE-Tool (Erkundung von Chancen, Risiken und Expositionen im Bereich Naturkapital), entwickelt von Global Canopy. Es ermöglicht die Analyse von Abhängigkeiten und Auswirkungen auf Ökosysteme und kann somit als erster Schritt bei der Umsetzung des LEAP-Ansatzes dienen;
  • AFNOR-Standards für Biodiversität und Umweltauswirkungen und insbesondere:
    • die Normenreihe XP X30-901, XP X30-902 und XP X30-903 zur Biodiversität
    • die Norm ISO 14001 (Umweltmanagementsysteme);
    • die Norm ISO 26000 (Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung von Organisationen);
    • die Norm NF X30-300 zur nichtfinanziellen Berichterstattung, zu Umweltleistungskennzahlen und zur Biodiversität.
  • interne Instrumente zur Risikokartierung oder strategischen Planung.

Integration der Biodiversität in das Umweltmanagement

Die Norm ISO 17298 kann vollständig in ein bestehendes, auf ISO 14001 basierendes Umweltmanagementsystem integriert werden. Ziel ist es, die Implementierung zu erleichtern, ohne dass eine neue Steuerungsstruktur geschaffen werden muss.

Überwachung und Verifizierung

Die Konformität mit der Norm kann anschließend durch interne oder externe Auditsüberprüft werden, um insbesondere die Qualität der implementierten Governance, die Relevanz der gewählten Indikatoren, die Wirksamkeit der Maßnahmen und die Robustheit der Berichterstattung sicherzustellen.

ISO 17298: Welche Vorteile bietet sie für Unternehmen?

Regulatorische Vorausschau und verstärktes Reporting

Die Norm ISO 17298 bietet den Vorteil, die Vorbereitung auf die verschiedenen Verpflichtungen aus der CSRD-Richtlinie zu erleichtern, aber auch auf die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur oder die CSDDD. Sie bietet Unternehmen einen gemeinsamen und strengen Rahmen, um ihre nichtfinanzielle Berichterstattung im Bereich Biodiversität zu strukturieren.

Höheres Vertrauen bei Investoren und Stakeholdern

Durch die Einführung eines international anerkannten Standards können Unternehmen sowohl ihre Transparenz als auch ihre Glaubwürdigkeit gegenüber all ihren Stakeholdern (Investoren, Kunden, Partner usw.) stärken. Sie können damit nachweisen, dass sie über eine strukturierte Analyse der biodiversitätsbezogenen Risiken verfügen.

Zugang zu neuen wirtschaftlichen Chancen

Es ist zudem wichtig zu beachten, dass die Norm dazu anregt, Biodiversität nicht mehr nur als Risiko für Unternehmen zu betrachten, sondern auch als echten Hebel zur Wertschöpfung. In diesem Sinne ermöglicht sie es ihnen, insbesondere wirtschaftliche Chancen in den Bereichen Innovation, Partnerschaften oder neue, resiliente Geschäftsmodelle zu identifizieren.

Beitrag zur Resilienz und zur Klima-Biodiversitäts-Strategie

Schließlich ermöglicht die Norm ISO 17298 Unternehmen, ihre Resilienz zu stärken durch die konsequente Berücksichtigung von Biodiversitätsthemen, insbesondere im Hinblick auf Abhängigkeiten und natürliche Risiken. Sie bietet ihnen die Möglichkeit, Klima- und Biodiversitätsstrategien miteinander zu verknüpfen – zwei Dynamiken, die bei der Umsetzung einer CSR-Strategie heute entscheidend und untrennbar miteinander verbunden sind.

Fazit

Mit der Norm ISO 17298 hält die Biodiversität endlich Einzug in die internationale Normungssprache. Für Unternehmen ist sie kein Randthema mehr, sondern entwickelt sich zu einem echten strategischen Hebel, der ebenso wichtig ist wie Klimaschutz oder Risikomanagement. 

Durch die Anwendung dieses neuen Referenzrahmens erhalten Unternehmen einen strukturierten und glaubwürdigen Ansatz, der zudem mit den großen internationalen Erwartungen im Bereich Biodiversität und nichtfinanzielle Berichterstattung im Einklang steht (CSRD, TNFD, Global Biodiversity Framework).