Wie lassen sich Lieferanten in die eigene ESG-Strategie einbinden?

Angesichts neuer Vorschriften und zunehmender Klimarisiken ist die Einbindung der Lieferkette in eine ESG-Strategie unerlässlich geworden. Doch wie lassen sich Lieferanten zu nachhaltigen Praktiken bewegen, ohne die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden? Dieser Artikel beleuchtet Strategien und Instrumente für einen effizienten und resilienten Wandel.

Matthieu Duault
Climate Copywriter
Publication : 
18.03.2025
Inhaltsverzeichnis
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Es ist heute offensichtlich, dass das Modell, bei dem Unternehmen ESG-Maßnahmen ausschließlich intern umsetzten, nicht mehr zeitgemäß ist. Die meisten Mechanismen zur Messung des CO2-Fußabdrucks und der ESG-Leistung beziehen die Wertschöpfungskette der Unternehmen in ihre Berichtsmodelle ein.

Mit der Verschärfung von Vorschriften wie der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) oder der CSDDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive) sowie den steigenden Erwartungen der Stakeholder wird es für Unternehmen immer wichtiger, ihre gesamte Lieferkette in eine ESG-Strategie einzubinden.

Darüber hinaus sind ESG-Risiken – insbesondere ökologische – keine bloßen langfristigen Prognosen mehr, sondern greifbare Realitäten, die Unternehmen direkt betreffen. Die jüngsten Überschwemmungen in Nordfrankreich oder der Wirbelsturm auf Mayotte haben zahlreiche Geschäftsaktivitäten beeinträchtigt und ganze Lieferketten in Schwierigkeiten gebracht. Diese Ereignisse verdeutlichen die wachsende Anfälligkeit von Unternehmen gegenüber dem Klimawandel und unterstreichen die Dringlichkeit eines Übergangs zu resilienteren und nachhaltigeren Modellen.

Die Einbindung der Lieferanten in einen solchen Prozess stellt jedoch eine echte Herausforderung dar: Wie lassen sie sich zu nachhaltigen Praktiken bewegen, ohne die wirtschaftliche Leistung zu gefährden? Wie lassen sich ökologische Anforderungen, soziale Verantwortung und Wettbewerbsfähigkeit miteinander vereinbaren?

Bewertung und Auswahl von Lieferanten

Der erste Schritt bei der Umsetzung einer ESG-Strategie, die Ihre Lieferkette einbezieht, besteht darin, eine Bestandsaufnahme Ihrer aktuellen Lieferanten durchzuführen. Dabei geht es darum, sie anhand von ESG-Kriterien zu bewerten, diejenigen zu identifizieren, deren aktuelle Prozesse Ihre Ziele bereits erfüllen, diejenigen, die bei der Umsetzung unterstützt werden müssen, und diejenigen, für die Sie keine andere Wahl haben, als eine Alternative zu suchen.

Kartierung von ESG-Risiken

Die Neugestaltung Ihres Lieferanten-Ökosystems sollte es Ihnen ermöglichen,diejenigen identifizieren, die am stärksten gefährdet sind. Bestimmte Kategorien sind daher in der Regel stärker ökologischen und sozialen Risiken ausgesetzt. Dazu zählen Branchen wie die Textilindustrie, die Landwirtschaft oder der Rohstoffsektor, die besonders anfällig für Probleme wie Umweltverschmutzung, Entwaldung oder die Ausbeutung von Arbeitskräften sind.

Dafür können Sie auf Instrumente zur sektorspezifischen Risikoanalyse zurückgreifen, mit denen sich vorrangige Lieferanten bewerten und ESG-Anforderungen an deren jeweiliges Risikoniveau anpassen lassen.

Eine große Herausforderung bleibt jedoch die Erhebung von ESG-Daten innerhalb komplexer Lieferketten. Während Informationen von Lieferanten der Stufen 1 und 2 meist noch beschaffbar sind, wird der Zugriff auf Daten von Lieferanten der Stufen 3, 4 oder 5, die oft im Ausland ansässig sind, deutlich schwieriger. Diese Hürde lässt sich durch verbesserte Rückverfolgungstools und Partnerschaften mit spezialisierten Drittanbietern für die Zertifizierung von Wertschöpfungsketten überwinden.

ESG-Kriterien in den Auswahlprozess Ihrer Lieferanten integrieren

Um mit der Bewertung Ihrer Lieferanten zu beginnen, können Sie ESG-Kriterien bereits in der Auswahlphase Ihrer Lieferanten berücksichtigen. Hierfür können Sie sich auf bestimmte Standards stützen, wie etwa die ISO 26000 für gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen oder die ISO 20400 für nachhaltige Beschaffung.

Sie haben zudem die Möglichkeit, die Informationen aus den nichtfinanziellen Berichten Ihrer Lieferanten einzusehen. Die Mehrheit dieser Berichte deckt den Umweltbereich ab, während einige, wie die europäische CSRD oder die GRI-Standards, auch soziale und Governance-Kriterien einbeziehen.

Schließlich können Vor-Ort-Audits durchgeführt werden, um die Einhaltung Ihrer ESG-Anforderungen durch die Lieferanten zu überprüfen und potenzielle Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren.

Kommunikation und Sensibilisierung Ihrer Lieferanten

Ihre Lieferanten in Ihren ESG-Prozess einzubinden, bedeutet nicht nur, auf Maßnahmen zu setzen, die von manchen als Zwang empfunden werden könnten. Es ist vielmehr ein Prozess, der Dialog und Unterstützung erfordert.

Transparenz und Dialog

Eine wirksame ESG-Politik basiert auf einer klaren und transparenten Kommunikation mit Ihren Lieferanten. Es ist wichtig, frühzeitig über Ihre Anforderungen und Ziele im Bereich ESG zu informieren, damit sich die Akteure in Ihrer Lieferkette darauf einstellen können.

Die Veröffentlichung eines Nachhaltigkeitsberichts ist ein wesentlicher Schritt, um öffentlich und transparent über Ihre Roadmap und die dafür bereitgestellten Mittel zu kommunizieren.

Es ist jedoch wichtig, den administrativen Aufwand zu berücksichtigen, der dies für Lieferanten, insbesondere KMU und mittelständische Unternehmen, bedeuten kann, da sie zahlreiche ESG-Fragebögen verschiedener Kunden beantworten müssen. Diese Arbeit, die oft als komplex und zeitaufwendig wahrgenommen wird, erfordert Ressourcen, die nicht immer verfügbar sind. Eine Lösung könnte die Nutzung gemeinschaftlicher Plattformen zur Vereinfachung der Datenerhebung oder die Harmonisierung von ESG-Kriterien zwischen Unternehmen durch die Nutzung bestimmter Standards für die nichtfinanzielle Berichterstattungsein.

Darüber hinaus können Sie einen Verhaltenskodex für Lieferanten veröffentlichen, in dem Sie Ihre Erwartungen hinsichtlich der Einhaltung von Menschenrechten und der Umweltauswirkungen darlegen.

Begleitung und Schulung

Jeder Lieferant ist je nach Größe, Branche und Standort unterschiedlich stark für soziale und ökologische Themen sensibilisiert. Durch das Angebot von Schulungen oder speziellen Sitzungen zum Management von Umweltrisiken oder zur Einhaltung von Menschenrechten stellen Sie sicher, dass diese über denselben Informationsstand verfügen und somit in der Lage sind, Ihre Erwartungen zu erfüllen.

Sie können ihnen zudem technische Instrumente und Ressourcen zur Verfügung stellen wie etwa branchenspezifische Leitfäden oder Bewertungsplattformen.

Dennoch ist es wichtig, diese Schulungen an die lokalen Gegebenheiten anzupassen. Während die Schulung zu diesen Themen in Europa und westlichen Ländern leichter umsetzbar ist, gestaltet sich die Einführung eines solchen Ansatzes in Ländern, in denen bestimmte ESG-Anforderungen – insbesondere im Bereich der Menschenrechte – möglicherweise nicht unmittelbar auf Resonanz stoßen, oft deutlich komplexer. In diesen Fällen ist ein schrittweiser und an den lokalen Kontext angepasster Ansatz unerlässlich.

Eine Strategie für nachhaltige Beschaffung umsetzen

Die Strategien für nachhaltige Beschaffung zielen darauf ab, die Einkaufsstrategie des Unternehmens mit seinen ESG-Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Dabei geht es nicht nur darum, Ihre Lieferanten in Ihren ESG-Prozess einzubinden, sondern sie langfristig zu verpflichten und so Ihren Aktionsplan abzusichern.

In der Kunden-Lieferanten-Beziehung lassen sich in der Regel zwei Ansätze beobachten:

  • Ein streng vertraglicher Ansatz, wie er bei großen Unternehmen des CAC 40 praktiziert wird, mit hohen Anforderungen und Strafen bei Nichteinhaltung.
  • Ein kooperativer Ansatz, der eher bei mittelständischen Unternehmen zu finden ist, bei dem das Ziel darin besteht, Risiken zu identifizieren und gemeinsam mit den Lieferanten an der Verbesserung ihrer Praktiken zu arbeiten.

Jedes Unternehmen muss den Ansatz wählen, der am besten zu seinem Geschäftsmodell und seiner ESG-Strategie passt.

Ihren ESG-Ansatz vertraglich verankern

Um Lieferanten einzubinden, ist oft eine vertragliche Regelung erforderlich. Dies bedeutet,Umwelt- und Sozialklauseln in die Verträge zu integrieren , die Sie mit ihnen schließen. Diese Klauseln können die Auswahl nachhaltiger Materialien, die Einführung von Ökodesign-Praktiken, Verpflichtungen zum Umweltschutz oder zur Einhaltung von Menschenrechten sowie Ziele zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Einklang mit dem Pariser Abkommen umfassen.

Durch die Zusammenarbeit mit engagierten Lieferanten können Sie nicht nur Ihre Lieferkette absichern, sondern auch Innovation und Wettbewerbsfähigkeit fördern. Der Aufbau langfristiger Partnerschaften auf Basis gemeinsamer Werte stärkt die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens gegenüber zukünftigen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Einen internen CO2-Preis einführen

Im rein ökologischen Bereich entscheiden sich immer mehr Unternehmen dafür,einen internen CO2-Preis in ihre Lieferantenauswahlkriterien integrieren.

Der CO2-Preis ist ein strategisches Instrument, um Lieferanten zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionenzu bewegen. Dies ist umso wichtiger, da der Scope 3 laut CDPim Durchschnitt 75 % der Gesamtemissionen eines Unternehmens ausmacht. Durch die Einbeziehung interner CO2-Kosten in Einkaufsentscheidungen und die Bevorzugung emissionsarmer Lieferanten können Unternehmen ihre ökologische Transformation beschleunigen.

Ein gängiger Ansatz besteht darin, bei Ausschreibungen einen Preis pro Tonne CO2 festzulegen. Die Angebote der Lieferanten werden dann unter Berücksichtigung der durch die Emissionen verursachten Zusatzkosten bewertet, was Einkaufsentscheidungen zugunsten nachhaltigerer Lösungen beeinflusst. Diese Berechnungsmethode ermöglicht es, die Umweltkosten in die Beschaffungsstrategie zu integrieren und den Übergang zu einer grüneren Wertschöpfungskette zu beschleunigen.

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Ziele setzen und Fortschritte messen

Ein ESG-Ansatz bedeutet nicht zwangsläufig, dass Sie Ihre Lieferanten austauschen müssen, um neue Partner zu finden, die Ihre sozialen und ökologischen Anforderungen besser erfüllen.

Der Prozess erfordert es, Ihre Lieferanten – zumindest diejenigen, die dazu in der Lage und bereit sind – einzubinden und einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu etablieren. Ihre ESG-Leistung und die Ihrer Lieferanten sind eng miteinander verknüpft und müssen sich daher gemeinsam weiterentwickeln.

Dafür ist es notwendig, gemeinsame Ziele zu definieren und sich auf die zu verfolgenden Kennzahlen zu einigen, um das Erreichen dieser Ziele zu messen. Diese ermöglichen es nicht nur, Ihre eigenen Fortschritte und die Ihrer Lieferanten zu verfolgen, sondern auch Verbesserungspotenziale auf beiden Seiten zu identifizieren.

Der Nachhaltigkeitsbericht bleibt das zentrale Instrument für eine klare und detaillierte Nachverfolgung der erzielten Fortschritte und zukünftigen Ziele. Er garantiert mehr Transparenz und stärkt das Engagement der Stakeholder. Er bietet Ihren Lieferanten eine langfristige Perspektive, ermöglicht den Aufbau eines nachhaltigen Transformationspfads, sichert ihre Resilienz und steigert ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Die Sorgfaltspflicht: eine regulatorische Verpflichtung

Es ist zu beachten, dass über freiwillige Initiativen hinaus Unternehmen in bestimmten Ländern verpflichtet sind, regulatorische Anforderungen in Bezug auf ökologische und soziale Sorgfaltspflichten entlang ihrer gesamten Lieferkette zu erfüllen. Dabei handelt es sich um das Konzept der „Sorgfaltspflicht“ oder „Due Diligence“.

In Frankreich schreibt das Gesetz Nr. 2017-399 eine ökologische und soziale Sorgfaltspflicht für französische Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern sowie für ausländische Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern auf französischem Staatsgebiet vor. Diese Sorgfaltspflicht gilt für ihre eigenen Aktivitäten sowie für die ihrer Tochtergesellschaften und Geschäftspartner.

In Deutschland führt das LkSG eine vergleichbare Sorgfaltspflicht für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern ein.

Diese Sorgfaltspflicht soll zwischen 2027 und 2029 durch die CSDDD-Richtlinie auf alle Länder der Europäischen Union ausgeweitet werden und langfristig europäische Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 450 Millionen Euro sowie nicht-europäische Unternehmen mit einem Umsatz von über 450 Millionen Euro innerhalb der EU betreffen.

Im Rahmen der CS3D müssen Unternehmen: 

  • ESG-Risiken in ihrer Lieferkette identifizieren und verhindern.
  • Einen Sorgfaltsplan erstellen, um Auswirkungen auf die Umwelt oder die Menschenrechte vorherzusehen, zu mindern oder zu beenden.
  • Einen Übergangsplan umsetzen, der auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens ausgerichtet ist.

Durch diese Vorschriften müssen Unternehmen ihre Kontroll- und Überwachungsmechanismen für Lieferanten verstärken, insbesondere durch häufigere und strengere Audits sowie durch eine Transparenzpflicht bei ESG-Daten.

Es ist jedoch anzumerken, dass die Richtlinie derzeit von der Europäischen Kommission überarbeitet wird, was zu einer Abschwächung der Anforderungen und einer Verschiebung der Anwendung führen könnte.

Fazit

Die Einbindung von Lieferanten in einen ESG-Prozess ist daher keine Option mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Durch die Integration ökologischer und sozialer Kriterien in ihre Einkaufsprozesse, den Aufbau eines konstruktiven Dialogs und die Nutzung von Hebeln wie dem CO2-Preis stärken Unternehmen nicht nur ihre eigene Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die ihrer Lieferanten.

Angesichts der Klimakrise und der wachsenden Erwartungen der Stakeholder verfolgen sie einen proaktiven Ansatz bei der ökologischen und sozialen Verantwortung und positionieren sich als Referenzakteure auf ihrem Markt, die besser gerüstet sind, um zukünftige Herausforderungen zu meistern und so Kunden und Investoren zu gewinnen.

Gleichzeitig wird dieser Ansatz durch die Entwicklung von Vorschriften wie der CSDDD-Richtlinie auch zu einem rechtlichen Gebot. Doch statt als Belastung sollte er vor allem als Chance für Innovation und Differenzierung gesehen werden, die zu einem nachhaltigen Wandel und zum langfristigen Fortbestand der Unternehmen beiträgt.