Grüne Anleihen: Die Zukunft der nachhaltigen Finanzwelt?

Die Emission von Green Bonds durch Staaten und Unternehmen boomt. Dieses Instrument der nachhaltigen Finanzierung bietet Emittenten wie Investoren große Chancen. Mit diesem Wachstum gehen erste Regulierungen einher, insbesondere in der Europäischen Union, die einen klareren Rahmen dafür schaffen, was als „grün“ gelten darf.

Matthieu Duault
Climate Copywriter
Publication : 
14.11.2023
Inhaltsverzeichnis
Demo anfordern

Im Rahmen des europäischen Grünen Deals hat die Europäische Kommission angekündigt, bis 2030 fast 1 Billion Euro zur Unterstützung der europäischen Umweltwende zu mobilisieren. Ziel ist es, die Treibhausgasemissionen in Europa bis 2050 im Vergleich zu 1990 um 55 % zu senken und Klimaneutralität zu erreichen.

Dieser Finanzierungsplan stützt sich sowohl auf öffentliche als auch auf private Mittel. Von diesen 1 Billion Euro plant die EU, bis 2026 grüne Anleihen im Wert von 250 Milliarden Euro auszugeben, über ihr Programm NextGenerationEU.

Grüne Anleihen sind jedoch weder neu noch ein rein europäisches Phänomen. Es gibt sie seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Auch wenn sie damals noch nicht so genannt wurden, gelten die 2001 von der Stadt San Francisco zur Finanzierung eines Solarenergieprojekts ausgegebenen Anleihen als die ersten ihrer Art.

Wie funktionieren sie? Welche Rolle spielen sie bei der Finanzierung der europäischen und globalen Umweltwende? Und wie lässt sich feststellen, ob eine grüne Anleihe wirklich grün ist? 

Was sind grüne Anleihen?

Zunächst ein kurzer Rückblick: Was ist eine Anleihe?

Es handelt sich um ein von Unternehmen oder Staaten ausgegebenes Schuldverschreibungspapier, das an den Finanzmärkten gehandelt wird. Es ermöglicht diesen Akteuren, sich Geld von privaten oder professionellen Investoren zu leihen, um Schulden zu tilgen oder in neue Projekte zu investieren.

Investoren erhalten bis zur Rückzahlung des investierten Kapitals Zinszahlungen. Das Risiko (und damit die Rendite) steht in einem umgekehrten Verhältnis zur Bonität des Emittenten und dessen Fähigkeit, den Anleger am Ende der Vertragslaufzeit auszuzahlen.

Grüne Anleihen funktionieren nach demselben Prinzip wie klassische Anleihen, sind jedoch zweckgebunden für Projekte der nachhaltigen Wirtschaft. Sie gelten heute als eines der wichtigsten Instrumente zur Finanzierung nachhaltiger Investitionen durch Unternehmen und Staaten und erleben seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 einen regelrechten Aufschwung.

Wer kann grüne Anleihen emittieren?

Grüne Anleihen können von einer Vielzahl von Akteuren ausgegeben werden: öffentlichen oder privaten Unternehmen, Staaten, Kommunen, internationalen Institutionen usw.

Die ersten Anleihen, die offiziell als „Green Bonds“ bezeichnet wurden, emittierte 2007 die Europäische Investitionsbank, gefolgt von der Weltbank im Jahr 2008.

Auf staatlicher Ebene waren Frankreich und Polen Vorreiter, als sie 2017 ihre ersten grünen Staatsanleihen zur Finanzierung des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft begaben. Heute haben weltweit bereits über 62 Länder grüne Staatsanleihen emittiert, und diese Zahl wächst stetig.

Die Verteilung der Emissionen nach Emittentenkategorien schwankt von Jahr zu Jahr, wobei Staaten weiterhin die Spitzenreiter sind. Im Jahr 2022 entfielen 39 % der Emissionen auf den öffentlichen Sektor, 32 % auf Finanzinstitute und 29 % auf Unternehmen.

Ein boomender Markt

Die Emission von Green Bonds boomt. Viele Akteure sehen darin eine Chance, die kostspielige ökologische Transformation zu finanzieren, aber auch eine Antwort auf die wachsenden Anforderungen von Investoren an die Nachhaltigkeit ihrer Anlagen.

Zum 1. Januar 2023 konnten damit weltweit mehr als 2,5 Billionen US-Dollar mobilisiert werden und trotz einer leichten Verlangsamung im Jahr 2022 aufgrund der Krise und der Inflation wächst das kumulierte Volumen der aufgenommenen Mittel stetig. Nachhaltige Anleihen (Green Bonds, Social Bonds und Sustainability-Linked Bonds) machen heute etwa 7 % des weltweiten Anleihemarktes aus.

Entwicklung der jährlichen Emissionsvolumina von Green Bonds nach Kontinenten (Quelle: Climate Bonds Initiative)

Sie sind für viele Länder zudem ein Mittel, um die im Rahmen des Pariser Klimaabkommens von 2015 festgelegten Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. So sehen wir immer mehr Schwellenländer, die grüne Staatsanleihen zur Finanzierung ihrer Energiewende begeben, darunter Indien, Fidschi, Ägypten, Thailand, Mexiko... Spitzenreiter ist Chile, das grüne Staatsanleihen im Wert von fast 34 Milliarden US-Dollar emittiert hat.

Frankreich steht dem in nichts nach. Im Jahr 2022 war das Land der weltweit größte Emittent von grünen Staatsanleihen und hat seit der Einführung seiner ersten grünen OAT (Obligation assimilable au Trésor) im Jahr 2017 mehr als 42 Milliarden Euro aufgenommen.

Die Europäische Union ist insgesamt der weltweit größte Emittent von Green Bonds und macht bis heute allein 43 % der weltweit begebenen grünen Anleihen aus. Als Beweis für ihren Erfolg machten nachhaltige Wertpapiere in Europa im Jahr 2022 25 % des Volumens der Neuemissionen in Euro aus.

Regulierung noch im Gange

Der Aufschwung der Green Bonds in den letzten Jahren hat zu verschiedenen Fehlentwicklungen bei der Nutzung dieser Finanzinstrumente geführt. Während ihre Zahl explodiert ist, hat sich auch ihre Zuverlässigkeit als zunehmend variabel erwiesen.

Manche Green Bonds sind nur dem Namen nach grün. Bislang hing die Definition dessen, was eine grüne Anleihe ausmacht, im Wesentlichen vom Emittenten ab, der somit völlig subjektiv beurteilen konnte, was ein „grünes“ Projekt ist. So konnten einige Anleihen zur Finanzierung von Landebahnen in Hongkong genutzt werden. 

Was Staatsanleihen betrifft, so wirft auch die soziale und ökologische Verantwortung einiger emittierender Länder, wie Saudi-Arabien oder Russland, häufig Fragen auf.

Die Möglichkeiten zur Kontrolle der Mittelverwendung und der tatsächlichen Nachhaltigkeit der finanzierten Projekte bleiben begrenzt, was die Glaubwürdigkeit dieser Green Bonds untergräbt.

Einige Staaten, insbesondere innerhalb der Europäischen Union, haben begonnen, die Bezeichnung „Green Bond“ zu regulieren, jedoch ohne sich dabei untereinander abzustimmen. Daher existieren je nach Land zahlreiche unterschiedliche Rechtsvorschriften nebeneinander. In einem vollständig globalisierten Finanzmarkt werden Green Bonds gehandelt, ohne dass sie denselben Definitionen, Anforderungen oder Verpflichtungen unterliegen.

Aus diesem Grund wurden verschiedene Initiativen ins Leben gerufen, von der Gründung von Institutionen wie der Climate Bonds Initiative über Gütesiegel wie das ISR-Label bis hin zu gemeinsamen Regulierungen, wie sie die Europäische Union gerade erst eingeführt hat.

Die Climate Bonds Initiative

Die Climate Bonds Initiative ist eine Nichtregierungsorganisation, die darauf abzielt, die Entwicklung von Green Bonds weltweit zu fördern und zu begleiten. Zu ihren Geldgebern zählen Stiftungen, öffentliche und private Einrichtungen sowie die Vereinten Nationen.

Die Climate Bonds Initiative war die erste Organisation, die ein Zertifizierungssystem auf Basis einer Taxonomie einführte, um echte „grüne“ Anleihen zu identifizieren und so Greenwashing entgegenzuwirken.

Sie arbeitet eng mit Staaten, Finanzakteuren und Investoren zusammen, um einen Rahmen für die Emission und Förderung von Green Bonds zu schaffen.

Aktivitäten und Aufgaben der Climate Bonds Initiative

Nach Einschätzung der Climate Bonds Initiative müssen ab 2025 jährlich 5 Billionen US-Dollar mobilisiert werden, um die Risiken des Klimawandels wirksam zu bekämpfen und das im Pariser Abkommen festgelegte Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu erreichen. Dies entspricht fast dem Zehnfachen des derzeit jährlich durch Green Bonds aufgenommenen Volumens.

Green Bonds und die EU-Taxonomie

Seit dem Pariser Abkommen verfolgt die Europäische Union im Rahmen des europäischen Grünen Deals eine aktive Politik zur Entwicklung nachhaltiger Finanzen.

Die Entwicklung der grünen Taxonomie und die Umsetzung der SFDR waren dabei die ersten Meilensteine. Das vorrangige Ziel bestand darin, die Transparenz von Unternehmen hinsichtlich ihrer Aktivitäten sowie die der Anlagestrategien von Finanzakteuren zu verbessern.

Das Thema Green Bonds hat mit ihrer zunehmenden Verbreitung in den verschiedenen EU-Ländern an Bedeutung gewonnen, sei es bei der Emission von Staatsanleihen oder bei Green Bonds von privaten Institutionen oder Unternehmen. Zudem sind Green-Bond-Emissionen Teil des Finanzierungsplans für den europäischen Grünen Deal, insbesondere durch das Programm NextGenerationEU, das bis 2026 ein Emissionsvolumen von rund 250 Milliarden Euro anstrebt.

Der Nutzen einer solchen Gesetzgebung liegt in der Harmonisierung bestehender Vorschriften und darin, Investoren eine gemeinsame Bewertungsgrundlage für Green Bonds zu bieten. Da die Europäische Union der weltweit größte Emittent dieser Art von Schuldtiteln ist, musste sie in der Lage sein, diese zu regulieren, um eine klare Definition dessen zu liefern, was als „grün“ gilt.

Am 5. Oktober 2023 verabschiedeten die Abgeordneten des Europäischen Parlaments den ersten Verordnungsvorschlag für Green Bonds. Sie muss nun vom Rat der EU geprüft werden.

Diese Verordnung verknüpft die Emission grüner Anleihen mit der EU-Taxonomie, die Wirtschaftsaktivitäten anhand strenger Kriterien nach ihrer „Nachhaltigkeit“ klassifiziert. Investoren können so sicherstellen, dass die emittierten Anleihen Projekte unterstützen, die gemäß der Taxonomie als grün eingestuft sind.

Ziel ist es, einen Rahmen zu schaffen, der die Emission dieser Anleihen begünstigt und ihr starkes Wachstum unterstützt. Der Standard bleibt für Emittenten freiwillig, ermöglicht jedoch den formellen Nachweis der Nachhaltigkeit der finanzierten Projekte. Er steht zudem Emittenten aus Nicht-EU-Ländern offen, die den durch diese Verordnung gebotenen Rahmen nutzen möchten.

Um die Bezeichnung EuGB (EU Green Bonds) zu erhalten, muss eine Anleihe mehrere Kriterien erfüllen: 

  • Die gesamten Erlöse müssen in Projekte fließen, die im Sinne der EU-Taxonomie als nachhaltig gelten.
  • Die Emissionen werden von einem externen Prüfer kontrolliert, der bei der ESMA (Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde) registriert ist.
  • Die Emittenten unterliegen einer Reihe von Offenlegungspflichten.

Fazit

Grüne Anleihen sind ein wirksames Instrument zur Förderung nachhaltiger Finanzen weltweit. Sie können ein hervorragendes Mittel sein, um neue Gelder für die ökologische Transformation von Staaten und Unternehmen zu mobilisieren, wie ihr Erfolg in Schwellenländern zeigt.

Der laufende Regulierungsprozess innerhalb der Europäischen Union wird dazu beitragen, diesen boomenden Markt besser zu strukturieren und Investoren hinsichtlich der Nachhaltigkeit der durch diese Schuldtitel finanzierten Projekte Sicherheit zu geben.

Trotz des wachsenden Erfolgs grüner Anleihen seit dem Pariser Abkommen ist ihr Wachstum jedoch bislang zu schwach, um die für dieses Großprojekt erforderlichen Mittel bereitzustellen. Das Emissionsvolumen müsste heute verzehnfacht werden. Der schrittweise Aufbau eines international förderlichen Marktes muss bereits jetzt die Notwendigkeit berücksichtigen, die Emissionen in großem Maßstab zu beschleunigen.

Quellen: 

  • „Finance durable : où en sont les obligations vertes européennes ?“, Actu-Juridique.fr, 10.10.2023
  • „Mot de l’Actu - Obligation verte“, Banque de France, März 2022
  • „Les obligations vertes“, WWF
  • „High-flying greenwashing around a new green bond for Hong Kong Airport“, Reclaim Finance, 04.01.2023
  • „Green bonds face new questions over authenticity“, Financial Times, 29.11.2021
  • „Sustainable Debt Market – Summary H1 2023“, Green Bonds Initiative, August 2023
  • „$500bn Green Issuance 2021: social and sustainable acceleration: Annual green $1tn in sight: Market expansion forecasts for 2022 and 2025“, Green Bonds Initiative, 31.01.2022
  • „NextGenerationEU: Europäische Kommission platziert erfolgreich erste grüne Anleihe zur Finanzierung eines nachhaltigen Aufbaus“, Europäische Kommission, 12.10.2021
  • „Nachhaltige Anleihen machen ein Viertel der Emissionen in Europa aus“, Les Echos, 21.11.2022
  • „Green, Social, and Sustainability (GSS) Bonds – Market Update – January 2023“, Weltbank, Januar 2023
  • „Von Indien bis Indonesien: Grüne Anleihen unterstützen Länder beim Übergang zu nachhaltiger Entwicklung“, Weltbank, 10.04.2023
  • „Europäische grüne Anleihen: Rat verabschiedet neue Verordnung zur Förderung nachhaltiger Finanzierungen“, Europäischer Rat, 24.10.2023