🔎 Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Vereinfachung der ESRS zielt darauf ab, den Berichterstattungsaufwand deutlich zu reduzieren, mit weniger Datenpunkten, weniger narrativen Inhalten und einer stärkeren Fokussierung auf die wirklich wesentlichen Themen.
- Das Ziel ist es, die Berichterstattung zu einem Steuerungsinstrument statt zu einer reinen Compliance-Übung zu machen, indem eine strategischere und stärker „Top-down“-orientierte Analyse der doppelten Wesentlichkeit genutzt wird.
- Die ANC bestätigt eine Neuausrichtung an internationalen Standards, insbesondere im Bereich Klima, wobei den Unternehmen mehr Eigenverantwortung bei ihren Übergangspfaden eingeräumt wird.
- Das Beispiel InVivo zeigt, dass es für Unternehmen sinnvoll ist, sich schon jetzt vorzubereiten, selbst bei regulatorischen Verschiebungen, um Daten zu validieren, Prozesse zu testen und die Kapazitäten schrittweise auszubauen.
Die Vereinfachung der ESRS tritt in eine entscheidende Phase ein. Anlässlich der Tennaxia Connect am 2. Juni 2026 gaben die Autorité des normes comptables (ANC) und die InVivo-Gruppe Einblicke in die aktuellen Entwicklungen und deren konkrete Auswirkungen auf Unternehmen.
Von regulatorischen Klarstellungen über die Reduzierung von Datenpunkten bis hin zur Fokussierung auf wesentliche Themen: Die Konferenz bot eine Plattform, um die Perspektive der ANC auf den europäischen Weg mit den praktischen Erfahrungen von InVivo bei der Umsetzung der vereinfachten ESRS zu verknüpfen.
Analyse der ANC: Auf dem Weg zur „Omnibus“-Vereinfachung
Die regulatorische Agenda ist stark geprägt von dem durch die Europäische Kommission initiierten Vereinfachungsgeist im Rahmen des „Omnibus“-Pakets. Die ANC, vertreten durch ihren Experten Eric Duvaud, Direktor für Nachhaltigkeitsstandards, liefert wichtige Erkenntnisse zur Richtung dieser normativen Erleichterungen.
Der Geist der regulatorischen Vereinfachung
Im Gegensatz zu den ersten Entwürfen, die als übermäßig komplex wahrgenommen wurden, zielen die aktuellen Leitlinien auf eine drastische Rationalisierung des Berichterstattungsaufwands für Unternehmen ab:
- Signifikante Reduzierung des Volumens: Die Überarbeitungen sehen eine Verringerung der Datenpunkte um etwa 60 % vor, wobei der Schwerpunkt vor allem auf narrativen Berichtspflichten liegt, sowie eine Halbierung des Gesamtumfangs der Referenzwerke.
- Von der Compliance zur Steuerung: Das erklärte Ziel ist es, sich von einer rein administrativen „Checklisten-Logik“ zu lösen und hin zu einer „getreuen Darstellung“ (Fair Presentation) zu gelangen, die den Nachhaltigkeitsbericht zu einem echten Instrument für die strategische Steuerung und den Wandel macht.
- „Top-Down“-Ansatz der Wesentlichkeit: Die ANC bestätigt den Vorrang der Analyse der doppelten Wesentlichkeit (DMA), die von makroökonomischen Themen ausgeht, anstatt eines granularen, von den Auswirkungen, Risiken und Chancen (IRO) abgeleiteten Ansatzes.
Wichtige Änderungen und konzeptionelle Neuausrichtungen
Die Verhandlungen verdeutlichen grundlegende Abwägungen zwischen den ursprünglichen Visionen der EFRAG und den Erfordernissen einer wirtschaftlichen Vereinfachung:
- Rückkehr zu internationalen Standards: Die Beibehaltung der Methoden des GHG-Protokolls wird bevorzugt, um die Kohärenz mit anderen Instrumenten der nachhaltigen Finanzwirtschaft zu gewährleisten.
- Verantwortung für Transformationspfade: Die Verantwortung für die Erstellung des 1,5°C-Transformationsplans wird auf das Unternehmen übertragen und liegt nicht mehr beim Nutzer der Nachhaltigkeitsberichte, was dem Unternehmen die Flexibilität lässt, seine eigenen Modalitäten festzulegen.
- Sektorale und geografische Ausschlüsse: Insbesondere Vermögenswerte, die für Dritte verwaltet werden, sind vom Berichterstattungsumfang ausgenommen. Zudem wurden die Anforderungen an sekundäres Mikroplastik gestrichen und die Bedeutung der lokalen geografischen Granularität in Bezug auf IRO und Indikatoren relativiert.
„Die doppelte Wesentlichkeit ist nun fest verankert. Die Finanz- und CSR-Abteilungen sind zusammengewachsen, um den Wandel zu steuern.“ — Éric DUVAUD, Direktor für Nachhaltigkeitsstandards (ANC)
Zeitplan für die Umsetzung der überarbeiteten CSRD
Der institutionelle Zeitplan für die kommenden Jahre konkretisiert sich:
- 2025: Abschluss des Omnibus-Trilogs und Veröffentlichung der technischen Stellungnahme der EFRAG.
- 2026: Formelle Verabschiedung des Omnibus-Textes und Veröffentlichung der überarbeiteten ESRS (vereinfachtes Set 1).
- 2027:
- Verbindliche Anwendung der überarbeiteten ESRS für die erste Welle der berichtspflichtigen Unternehmen.
- Erstanwendung für die zweite Welle der Unternehmen.
- 2030: Vollständige Stabilisierung des Systems und Integration der Quantifizierung der erwarteten finanziellen Auswirkungen.
Strategische und operative Umsetzung durch InVivo
Als führender Akteur der europäischen Landwirtschaft und als „Société à Mission“ strukturiert, betrachtet die InVivo-Gruppe (15.000 Mitarbeitende) diese Entwicklungen nicht als auferlegte Belastung, sondern als Chance zur geschäftlichen Neuausrichtung.
Ergebnisse der Wesentlichkeitsanalyse
InVivo hat einen fundierten Prozess zur doppelten Wesentlichkeitsanalyse implementiert, der ein breites Spektrum abdeckt (21 Themen wurden mittels 18 Fragebögen bei 500 Anwendern geprüft). Diese Analyse ermöglichte es, die ESRS-Themen herauszufiltern, die für das Geschäftsmodell der Gruppe tatsächlich relevant sind:
Nutzung der Omnibus-Regelung und Fristverschiebung
Die Verschiebung des europäischen Zeitplans bietet InVivo eine bedeutende strategische Chance. Ursprünglich für eine Berichtspflicht im Sommer 2026 vorgesehen, fällt die Gruppe nun regulatorisch in die zweite Welle der CSRD, wodurch sich die offizielle Verpflichtung auf den Sommer 2028 verschiebt.
Strategische Entscheidung von InVivo: Trotz der gesetzlichen Verschiebung auf 2028 hat die Geschäftsführung beschlossen, bereits jetzt freiwillige Berichterstattungs- und Testat-Übungen durchzuführen. Diese Entscheidung ermöglicht es, den erarbeiteten methodischen Vorsprung zu wahren, die Datenerfassungsprozesse zu optimieren und einen hektischen Nachholbedarf in letzter Minute zu vermeiden.
Praxisbeispiel für Vereinfachung: Der Standard ESRS S1 (Personalwesen)
Der Bereich Personalwesen veranschaulicht perfekt die Effizienzgewinne, die durch die Filterarbeit und die frühzeitige Anwendung des Geistes des „Set 2“ der ESRS erzielt wurden:
- Ausgangslage: Das ursprüngliche Regelwerk umfasste 83 anwendbare Datenpunkte.
- Vereinfachtes Ziel: Nach Anwendung der Wesentlichkeitskriterien und der Streichung rein freiwilliger oder für das genossenschaftliche Modell irrelevanter Indikatoren wurde der Umfang auf 50 Datenpunkte reduziert.
- Vorteil: Diese Entlastung ermöglicht es den HR-Teams, sich auf wertschöpfende Steuerungsindikatoren zu konzentrieren, anstatt Zeit mit der umfassenden Erhebung sekundärer Daten zu verbringen.
Nächste Schritte für die Gruppe
Der Weg von InVivo verbindet methodische Strenge mit regulatorischer Agilität. Die kommenden Monate stehen im Zeichen folgender Projekte:
- Juli 2026: Analyse der endgültigen Omnibus-Texte aus den europäischen Trilogen zur Festlegung des Datenreferenzrahmens.
- Ende 2026: Vertiefung und vollständige Integration der Umweltthemen (ESRS E2 Umweltverschmutzung, E4 Biodiversität und E5 Kreislaufwirtschaft) in das Informationssystem der Gruppe.
- Anfang 2027: Berücksichtigung der verbleibenden ESRS
- Horizont 2028: Veröffentlichung des ersten Nachhaltigkeitsberichts mit offizieller CSRD-Konformitätsbescheinigung.
Fazit
Die vereinfachten ESRS stehen kurz vor der Veröffentlichung (theoretisch Mitte Juli). Für Unternehmen, die darauf gewartet haben, ist dies der ideale Zeitpunkt, um die Arbeiten wieder aufzunehmen und sich in Ruhe auf ihren Berichtszyklus vorzubereiten.
Wichtig zu wissen: Die von der EFRAG vorgeschlagene und von der Europäischen Kommission in die öffentliche Konsultation aufgenommene Vereinfachung soll Unternehmen dabei unterstützen, die Berichterstattung als Instrument zur Steuerung und Transformation zu nutzen – und nicht als reine Compliance-Übung, wie es in den letzten zwei Jahren allzu oft der Fall war.
Der Governance kommt bei diesem Prozess eine Schlüsselrolle zu, insbesondere durch die notwendige engere Zusammenarbeit zwischen CSR- und Finanzabteilungen, um die Verknüpfung von finanziellen und nicht-finanziellen Informationen sicherzustellen. Wenn Unternehmen das Thema jetzt angehen, können sie die Arbeitslast schrittweise steigern und die verschiedenen Fachbereiche sukzessive einbinden.
Für weitere Informationen laden Sie sich die Aufzeichnung unseres Webinars herunter 👇






%20(1)%20(1).jpg)