Nach einem langen Überarbeitungsprozess wurde die neue Norm ISO 14001 am 15. September 2015 veröffentlicht. Diese Norm nutzt die neue Dokumentenstruktur, die sogenannte „High Level Structure“ (HLS), die für Managementsystemnormen wie ISO 9001 und die zukünftige ISO 45001 (Arbeitsschutz) einheitlich ist.
Die ISO (Internationale Organisation für Normung) hat diese Norm aus dem Jahr 2004 überarbeitet, um den Entwicklungen auf den Märkten und den gesellschaftlichen Erwartungen Rechnung zu tragen:
- Deutlich präzisere öffentliche Erwartungen an den Umweltschutz als noch im Jahr 2004
- Gestiegener Bedarf an Transparenz hinsichtlich der Umweltleistung von Organisationen
- Wunsch nach einer stärkeren Harmonisierung der Managementsysteme (ISO 9001, ISO 50001 …)
- Bestreben, Umweltaspekte fest in der Unternehmensstrategie zu verankern
Diese neue Norm setzt neue Maßstäbe und fordert jedes Unternehmen zu einem ganzheitlichen Ansatz auf. Umweltauswirkungen sollen nicht mehr nur lokal bewertet, sondern in den Kontext der gesamten Wertschöpfungskette eines Produkts gestellt werden. Der Umweltschutzgedanke wird nun explizit hervorgehoben. Die Identifizierung von Umweltaspekten und -auswirkungen muss daher unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus erfolgen, insbesondere im Hinblick auf Transport, Nutzung und Entsorgung der Produkte.
Das Engagement der Geschäftsführung wurde neu definiert, und die Norm schreibt die Berücksichtigung der Erwartungen von Stakeholdern vor. Ziel ist es, Umweltfragen in den Mittelpunkt der Unternehmensstrategie zu rücken und die Umweltleistung als Wachstumsmotor zu nutzen. Die ISO positioniert diese Norm zudem als Instrument, das zur ökologischen Säule der nachhaltigen Entwicklung beitragen soll (siehe Erfahrungsberichte zur Einführung der ISO 14001:2015)
Norm ISO 14001: Identifizierung der Erwartungen interessierter Parteien
Die Norm verlangt von Organisationen,
- ihre relevanten interessierten Parteien zu identifizieren (DREAL[1], Anwohner, Kommunen, Mitarbeiter, Aktionäre …)
- deren Erwartungen zu ermitteln
- aus diesen Erwartungen diejenigen auszuwählen, die zu Compliance-Verpflichtungen werden sollen (d. h. Anforderungen, wie sie auch regulatorische Vorgaben darstellen)
Diese Entwicklung stellt eine echte Veränderung gegenüber der Version 2004 der Norm ISO 14001 dar, die hauptsächlich forderte, dass relevante externe Anfragen (Beschwerden usw.) bearbeitet werden.
Hier schreibt die Norm ISO 14001 einen proaktiven Ansatz vor und fordert Unternehmen dazu auf, die Erwartungen ihrer interessierten Parteien zu identifizieren, um deren Bedürfnisse und die damit verbundenen Herausforderungen zu verstehen. Es ist anzumerken, dass die Norm keine spezifische Methodik oder Mittel zur Durchführung dieser Arbeit vorschreibt. Jedes Unternehmen muss daher je nach Kontext ein geeignetes Vorgehen implementieren.
Es ist zudem festzuhalten, dass die Norm nun eine freiwillige externe Kommunikation vorschreibt. Es ist nicht mehr möglich, im Umweltmanagementhandbuch oder im Protokoll einer Managementbewertung zu vermerken, dass das Unternehmen keine externe Kommunikation zu seinen bedeutenden Umweltaspekten betreibt. ISO 14001-zertifizierte Unternehmen müssen einen Kommunikationsprozess etablieren und relevante Informationen zu ihrem Umweltmanagementsystem extern kommunizieren.
[1] DREAL: Direction Régionale de l’Environnement de l’Aménagement et du Logement (Regionaldirektion für Umwelt, Raumordnung und Wohnungswesen)
Verständnis der Organisation und ihres Kontextes
Eine weitere Neuerung der Version 2015 ist die Verpflichtung, externe und interne Themen zu bestimmen, die die Erreichung der angestrebten Umweltergebnisse beeinflussen könnten. Beispielsweise können Umweltbedingungen in Bezug auf Klima, Luftqualität, bestehende Verschmutzung oder Biodiversität Auswirkungen auf den Unternehmenszweck haben oder durch die Umweltauswirkungen des Unternehmens selbst beeinflusst werden.
Interne Themen wie Kompetenzmanagement, die Fähigkeit zur Implementierung neuer Technologien oder die Verwaltung von Managementsystemen sind potenziell zu berücksichtigen. Dieses Verständnis der Umweltaspekte auf höchster Unternehmensebene soll die Kohärenz zwischen den strategischen Ausrichtungen des Unternehmens und seinem Umweltmanagement stärken (oder zumindest sicherstellen).
Die Norm ISO 14001 positioniert das Managementsystem somit neu auf Ebene der Geschäftsführung und zielt darauf ab, dass es fest in die Governance-Prozesse integriert ist und nicht allein von der Umweltabteilung getragen wird.
Die im Rahmen von CSR-Initiativen eingesetzten Instrumente (Wesentlichkeitsanalyse) ermöglichen es, dieser neuen Anforderung gerecht zu werden.
Hinweis: Auch hier schreibt die Norm ISO 14001 keine bestimmte Methodik zur Definition der externen und internen Themen vor. Jedes Unternehmen muss je nach seinem spezifischen Kontext einen geeigneten Ansatz wählen.
Identifizierung von Risiken und Chancen
Die Norm verlangt, dass das Unternehmen seine Risiken und Chancen identifiziert und diese in seinem Umweltmanagementsystem berücksichtigt bei:
- der Festlegung seiner Ziele,
- der Erstellung seines Maßnahmenprogramms,
- Managementbewertungen.
Hierbei geht es darum, eine Risikoanalyse durchzuführen und potenzielle negative sowie positive Auswirkungen (d. h. Bedrohungen und Chancen) zu identifizieren.
Beispiel (Quelle: Anhang der Norm ISO 14001): Compliance-Verpflichtungen können Risiken und Chancen bergen, wie etwa eine Nichteinhaltung (was den Ruf des Unternehmens schädigen oder rechtliche Schritte nach sich ziehen kann) oder eine Leistung, die über die Compliance-Anforderungen hinausgeht (was den Ruf des Unternehmens verbessern kann).
Ebenso kann eine historische Bodenbelastung ein Risiko darstellen (Unmöglichkeit der Nutzung bestimmter Flächen oder schlimmstenfalls die potenzielle Verpflichtung zur Dekontaminierung); umgekehrt kann die Inbetriebnahme eines Biomassekessels eine Chance darstellen, insbesondere im Hinblick auf das Unternehmensimage.
Umweltaspekte in einer Lebenszyklusperspektive
Je nach Zertifizierungsumfang müssen Unternehmen ihre Umweltaspekte unter Berücksichtigung einer Lebenszyklusperspektive bewerten. Es ist wichtig zu betonen, dass die Norm keine Ökobilanz (LCA) der hergestellten Produkte vorschreibt. Dennoch ist eine fundierte Auseinandersetzung mit den Lebenszyklusphasen erforderlich, die das Unternehmen kontrollieren oder beeinflussen kann.
In diesem Fall muss die Identifizierung der Umweltaspekte und -auswirkungen die Rohstoffgewinnung, das Design, die Produktion, den Transport, die Nutzung sowie die Behandlung und Entsorgung am Ende der Lebensdauer einbeziehen. Welche Lebenszyklusphasen zu berücksichtigen sind, hängt von der jeweiligen Tätigkeit, dem Produkt oder der Dienstleistung sowie der Unternehmensorganisation ab.
Für viele Unternehmen wird diese Entwicklung erhebliche Auswirkungen auf ihr Verfahren zur Identifizierung von Umweltaspekten und -auswirkungen haben.
Norm ISO 14001: Bewertung der Umweltleistung
Die Organisation muss ihre Umweltleistung bewerten und die erzielten Ergebnisse hinterfragen. Die Norm stellt klar, dass die Leistung anhand quantitativer oder qualitativer Ergebnisse beurteilt werden kann.
Zunächst müssen Methoden zur Überwachung, Messung und Analyse festgelegt werden, um die Validität der Ergebnisse sicherzustellen.
Anschließend müssen die Kriterien definiert werden, anhand derer die Organisation ihre Umweltleistung bewertet.
Für Unternehmen, die derzeit nach der Version 2004 der ISO 14001 zertifiziert sind, müssen daher neue Kennzahlen entwickelt werden. Die Norm ISO 14031 kann hierbei ein nützliches Instrument sein, da sie eine Methodik zur Identifizierung relevanter Indikatoren und zur Bewertung der Umweltleistung bietet.
Durch diese 5 Entwicklungen:
- Reflexion über Umweltaspekte im Hinblick auf globale, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen,
- stärkere Berücksichtigung umweltrelevanter Interessengruppen,
- Engagement der Führungsebene für die Förderung des Umweltmanagements im Rahmen eines prozessorientierten Ansatzes,
- Anwendung der Norm auf die gesamte Wertschöpfungskette der Produkte (ausgelagerte Prozesse, Produkte und Dienstleistungen) unter Berücksichtigung des Lebenszyklus,
- Verbesserung der Umweltleistung,
Die Version 2015 der Norm ISO 14001 zielt darauf ab, sich an neue Herausforderungen anzupassen und Unternehmen einen ambitionierten, aber pragmatischen Ansatz zu bieten. Damit kann sie als Grundpfeiler für den Umweltaspekt einer CSR-Strategie dienen.





